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Von Stuttgart bis Remscheid: Was wir aus dem Smart City Index 2026 über moderne Verwaltung lernen können

Deutschland hat eine neue „smarteste Stadt“: Stuttgart führt den Smart City Index 2026 an und verdrängt München von der Spitze. Mit 92,8 von 100 möglichen Punkten liegt die baden-württembergische Landeshauptstadt knapp vor München mit 92,0 und Hamburg mit 91,5 Punkten. Am anderen Ende des Rankings steht Remscheid mit 47,3 Punkten auf Platz 83.

Auf den ersten Blick scheint die Sache damit eindeutig: Stuttgart ist besonders digital, Remscheid hat Nachholbedarf. Doch so einfach ist es nicht. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn eine Stadt „smart“ ist? Kann die Leistungsfähigkeit einer modernen Verwaltung tatsächlich in Punkten ausgedrückt werden? Und vor allem: Was können Kommunen aus einem solchen Ranking lernen?

Aus Sicht des New Public Managements lohnt sich deshalb ein genauerer Blick hinter die Rangliste.

Was misst der Smart City Index?

Der Smart City Index wird vom Digitalverband Bitkom herausgegeben und erscheint inzwischen zum achten Mal. Untersucht werden alle 83 deutschen Städte mit mindestens 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.

Dabei geht es keineswegs nur darum, ob im Rathaus Akten digital bearbeitet werden oder ein Online-Termin vereinbart werden kann. Der Index betrachtet fünf Bereiche:

Dahinter stehen 39 Indikatoren und insgesamt 174 Parameter. Für den Index 2026 wurden 14.442 Datenpunkte erhoben und ausgewertet. Dazu gehören beispielsweise Online-Bürgerdienste, digitale Bezahlmöglichkeiten, intelligente Verkehrssteuerung, Breitbandversorgung, Ladeinfrastruktur oder digitale Angebote im Bildungsbereich. Alle 83 Städte haben sich an der Datenerhebung beteiligt.

Neu oder stärker berücksichtigt werden 2026 unter anderem IT-Sicherheit und der Einsatz von KI-Assistenten in Behörden, die digitale Wärmeplanung sowie das Energiemonitoring kommunaler Gebäude. Auch beim smarten Verkehrsmanagement und im öffentlichen Nahverkehr wurden die Kriterien angepasst.

Schon daran zeigt sich: Was unter einer „Smart City“ verstanden wird, verändert sich. Vor einigen Jahren galt vielleicht bereits ein umfangreiches Online-Angebot als besonders fortschrittlich. Heute gehören künstliche Intelligenz, Datenplattformen oder resiliente digitale Verwaltungsstrukturen zunehmend zum Maßstab.

Warum liegt Stuttgart vorne?

Interessanter als der erste Platz allein ist, wie Stuttgart ihn erreicht.

Die Stadt liegt als einzige der 83 untersuchten Großstädte in allen fünf Kategorien unter den besten zehn. Bei Energie und Umwelt erreicht Stuttgart sogar Platz 1. Hinzu kommen Platz 3 bei der Verwaltung, Platz 6 bei IT und Kommunikation, Platz 7 bei Gesellschaft und Bildung und Platz 8 bei der Mobilität.

Das ist bemerkenswert, weil es einen wichtigen Punkt moderner Verwaltungsdigitalisierung verdeutlicht: Digitalisierung besteht nicht nur aus einzelnen spektakulären Projekten.

Eine Stadt wird nicht allein dadurch „smart“, dass sie einen Chatbot einführt, einige Verwaltungsleistungen online anbietet oder intelligente Ampeln installiert. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, Digitalisierung über verschiedene Aufgabenbereiche hinweg zu etablieren.

Für Verwaltungen ist das eine wichtige Erkenntnis. Erfolgreiche Digitalisierung ist langfristig weniger ein einzelnes IT-Projekt als eine dauerhafte Organisations- und Managementaufgabe.

Die Rangliste ist ständig in Bewegung

Auch außerhalb der Spitzengruppe gibt es interessante Entwicklungen.

Erlangen verbessert sich 2026 beispielsweise um 19 Plätze auf Rang 56. Besonders stark ist dort die Entwicklung in der Verwaltung: In dieser Kategorie steigt die Stadt um 43 Plätze. Nach Angaben von Bitkom sind inzwischen alle abgefragten OZG-Leistungen digital verfügbar. Auch bei internen Prozessen und digitalen Bezahlvorgängen erreicht Erlangen die volle Punktzahl.

Mönchengladbach macht ebenfalls einen großen Sprung und verbessert sich um 18 Plätze auf Rang 12. Unter anderem eine KI-basierte Verkehrssteuerung, ein digitales Verkehrsschildkataster und WLAN im öffentlichen Nahverkehr tragen zum guten Ergebnis im Bereich Mobilität bei.

Gleichzeitig verlieren andere Städte Plätze. Paderborn und Heilbronn fallen jeweils um 16 Ränge zurück, Dresden um zwölf.

Doch genau an dieser Stelle sollte man mit der Interpretation vorsichtig sein.

Besser geworden – und trotzdem abgestiegen?

Der Smart City Index ist ein relatives Ranking.

Das bedeutet: Eine Stadt wird nicht ausschließlich anhand eines festgelegten Sollzustandes bewertet. Stattdessen werden die Ergebnisse der Städte miteinander verglichen. Beim jeweiligen Indikator erhält der beste tatsächlich erreichte Wert 100 Punkte und der schlechteste Wert 0 Punkte. Die übrigen Städte werden dazwischen eingeordnet.

Dadurch entsteht ein Effekt, den man auch aus anderen Kennzahlensystemen kennt:

Eine Stadt kann sich verbessern und im Ranking trotzdem zurückfallen.

Wenn andere Kommunen noch schneller vorankommen, kann die eigene Platzierung sinken. Bitkom weist deshalb selbst darauf hin, dass ein Verlust von Rangplätzen nicht automatisch bedeutet, dass eine Stadt weniger digital geworden ist.

Für die Verwaltungssteuerung ist das eine wichtige Lektion: Eine Kennzahl oder Rangposition sollte niemals isoliert interpretiert werden.

Und was ist mit Remscheid?

Das wird besonders deutlich, wenn man auf das Ende der Tabelle schaut.

Remscheid erreicht 2026 mit 47,3 Punkten Platz 83.

Wer ausschließlich auf das Ranking schaut, könnte daraus schnell den Schluss ziehen, dass dort kaum Verwaltungsdigitalisierung stattfindet. Ein Blick auf die tatsächlichen Aktivitäten zeigt jedoch ein differenzierteres Bild.

Remscheid verfügt über eine eigene Strategie für die „Digitale Stadt“, betreibt ein Serviceportal für Online-Verwaltungsleistungen und arbeitet an der Digitalisierung interner Verwaltungsprozesse. Im April 2026 wurde zudem die Remscheid-App neu aufgelegt. Im Juli berichtete die Stadt über den Einsatz künstlicher Intelligenz, etwa für Plausibilitätsprüfungen bei ausgewählten Online-Anträgen. Und Anfang September kündigte die Stadt gemeinsam mit Solingen und Wuppertal eine KI-Assistenzplattform an, die sowohl Bürgeranfragen als auch Beschäftigte der Verwaltung unterstützen soll.

Das macht Remscheid nicht automatisch zu einer Spitzenstadt der Digitalisierung. Es zeigt aber, warum eine Rangposition allein noch kein vollständiges Bild liefert.

Vielleicht ist gerade der Abstand zwischen Stuttgart und Remscheid deshalb besonders interessant: Er macht Unterschiede sichtbar – erklärt aber noch nicht ihre Ursachen.

Der Smart City Index als Performance Measurement

Genau hier lässt sich eine Verbindung zum New Public Management herstellen.

Ein Grundgedanke des Performance Measurement besteht darin, Leistungen öffentlicher Organisationen anhand geeigneter Kennzahlen sichtbar und bewertbar zu machen. Genau das versucht der Smart City Index.

Aus einer sehr abstrakten Frage – „Wie weit ist eine Stadt bei der Digitalisierung?“ – entstehen messbare Größen.

Damit wird ein Vergleich möglich. Eine Kommune kann beispielsweise erkennen, dass sie bei digitalen Verwaltungsleistungen gut abschneidet, bei Mobilität oder IT-Infrastruktur aber deutlich hinter anderen Städten liegt.

Kennzahlen reduzieren damit Komplexität. Sie können Probleme sichtbar machen, Entwicklungen dokumentieren und Diskussionen über Ziele anstoßen.

Doch aus einer Messung folgt noch keine Verbesserung.

Vom Benchmarking zum Benchlearning

Die Rangliste ermöglicht zunächst Benchmarking: Kommunen können ihre eigene Position mit anderen Städten vergleichen.

Für eine Verwaltung sollte die entscheidende Frage anschließend aber nicht lauten:

„Wie kommen wir nächstes Jahr fünf Plätze nach oben?“

Viel interessanter ist:

„Was machen andere Kommunen anders – und können wir daraus etwas für unsere eigene Organisation lernen?“

Aus Benchmarking sollte also Benchlearning werden.

Ein Beispiel: Wenn Erlangen innerhalb eines Jahres bei der digitalen Verwaltung deutlich aufholt, ist für eine andere Kommune nicht allein die neue Platzierung interessant. Spannender wäre zu untersuchen, welche Prozesse verändert wurden, wie Projekte organisiert wurden, welche Standards eingesetzt werden und welche Lösungen übertragbar sind.

Damit wird aus dem Wettbewerb zwischen Kommunen ein Lernprozess.

Und genau darin kann der eigentliche Wert eines Rankings liegen.

Aber messen wir eigentlich das Richtige?

An diesem Punkt stößt Performance Measurement jedoch an eine bekannte Grenze.

Nehmen wir einen digitalen Verwaltungsdienst. Für ein Ranking lässt sich relativ einfach erfassen, ob eine Leistung online angeboten wird.

Das ist zunächst ein Output.

Doch was passiert danach?

Nutzen Bürgerinnen und Bürger den Online-Dienst tatsächlich? Ist er verständlich? Wird ein Antrag dadurch schneller bearbeitet? Werden Beschäftigte entlastet? Sinkt die Zahl der notwendigen Behördentermine? Oder wurde lediglich ein analoges Formular als PDF ins Internet gestellt?

Diese Fragen betreffen nicht mehr nur den Output, sondern den Outcome, also die tatsächliche Wirkung einer Maßnahme.

Gerade bei Smart-City-Projekten ist diese Wirkungsmessung noch eine Herausforderung. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung weist darauf hin, dass die Wirkungsmessung digitaler Stadtentwicklungsmaßnahmen bislang nicht flächendeckend etabliert ist. Indikatoren werden zudem nicht immer unmittelbar aus den eigentlichen stadtentwicklungspolitischen Zielen abgeleitet.

Auch eine 2025 veröffentlichte Arbeitshilfe zur Wirkungsmessung von Smart-City-Maßnahmen setzt genau dort an: Kommunen sollen nicht nur dokumentieren, welche Projekte umgesetzt wurden, sondern systematischer untersuchen, welche Auswirkungen diese tatsächlich haben.

Für das New Public Management ist diese Unterscheidung entscheidend.

Denn moderne Verwaltungssteuerung sollte sich nicht allein fragen:

„Was haben wir gemacht?“

Sondern auch:

„Was haben wir damit erreicht?“

Was können moderne Verwaltungen also aus dem Index lernen?

Der Smart City Index ist weder ein vollständiges Zeugnis über die Leistungsfähigkeit einer Stadt noch eine objektive Antwort auf die Frage, wo es sich am besten lebt.

Aber er kann ein nützliches Steuerungsinstrument sein.

Er macht Unterschiede sichtbar, schafft Transparenz und bietet Ansatzpunkte für interkommunale Vergleiche. Besonders wertvoll wird er dann, wenn Kommunen nicht nur ihre Rangposition betrachten, sondern die einzelnen Indikatoren analysieren und von den Erfahrungen anderer Städte lernen.

Gleichzeitig erinnert der Index daran, mit Kennzahlen vorsichtig umzugehen. Rankings verdichten komplexe Realität auf wenige Zahlen. Dadurch werden Entwicklungen verständlicher – zwangsläufig gehen aber auch Informationen verloren.

Eine Stadt auf Platz 83 kann sinnvolle Digitalisierungsprojekte verfolgen. Eine Stadt auf Platz 1 muss sich trotzdem fragen, ob ihre digitalen Angebote von den Menschen tatsächlich als Verbesserung wahrgenommen werden.

Fazit: Nicht die Platzierung sollte das Ziel sein

Der Smart City Index 2026 zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich weit deutsche Großstädte bei ihrer digitalen Transformation sind. Stuttgart überzeugt dabei vor allem durch seine Stärke über verschiedene Handlungsfelder hinweg. Gleichzeitig zeigen Aufsteiger wie Erlangen oder Mönchengladbach, wie schnell sich Positionen verändern können.

Aus Sicht des New Public Managements steckt die spannendste Erkenntnis aber nicht in der Frage, welche Stadt auf welchem Platz steht.

Der Index zeigt vielmehr, was Kennzahlen leisten können – und was nicht.

Performance Measurement schafft Transparenz. Benchmarking ermöglicht Vergleiche. Benchlearning kann daraus Verbesserungen entstehen lassen. Wirkungsorientierung entscheidet schließlich darüber, ob Digitalisierung tatsächlich einen Mehrwert schafft.

Vielleicht sollte eine moderne Verwaltung deshalb nicht zuerst fragen:
„Welchen Platz erreichen wir im nächsten Smart City Index?“

Sondern vielmehr:

„Was müssen wir verändern, damit Bürgerinnen und Bürger und Beschäftigte tatsächlich merken, dass unsere Stadt smarter geworden ist?“

Quellen

Bitkom e. V.: Smart City Index 2026 – Digitalranking für Deutschlands Großstädte. Smart City Index 2026

Bitkom e. V. (8. September 2026): Smart City Index 2026: Stuttgart löst München an der Spitze ab. Presseinformation und Ergebnisse 2026

Stadt Remscheid: Digitale Stadt – Smart-City-Strategie der Stadt Remscheid. Digitale Stadt Remscheid

Stadt Remscheid (2026): Informationen zur Digitalisierung und zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Stadtverwaltung. Digitalisierung bei der Stadt Remscheid

Smart City Dialog / BBSR (2024): Räumliche Wirkungen von Smart-City-Maßnahmen – Ansätze und Methoden zu deren Messung. Studie zur Wirkungsmessung

Smart City Dialog (2025): Wirkungsmessung und Evaluation von Smart-City-Maßnahmen. Arbeitshilfe zur Wirkungsmessung

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