Zeiten, in denen man sich wünscht, man wäre ein Regenwurm

Hallo zusammen,
heute findet Ihr in Eurem Blog4Students mal einen etwas anderen Beitrag. Keine FH, kein Studium, keine Umfrage, sondern einfach das, was uns momentan beschäftigt und im Kopf umher schwirrt.

Im Radio, im Fernsehen, auf den Social Media Kanälen und im Smalltalk, ob in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Supermarkt. Überall findet man Experten. Experten, die sich ein Urteil über jegliche politische Entscheidung, Nicht-Entscheidung oder einfach über das was auf der Welt geschieht, erlauben.

Eine schlechte Nachricht jagt die nächste.

Auf Parkbänken geschmiert lesen wir „impfen tötet“, auf Social Media sehen wir Videos von Menschen jeden Alters, die unter Aufopferung der letzten Kräfte das Corona-Virus nach mehreren Nächten auf der Intensivstation besiegt – oder zumindest überlebt – haben.

Und doch liegt langsam ein Gefühl von Freiheit in der Luft. Die Masken fallen, wir können wieder in Gesichter sehen – in den meisten findet sich Erleichterung. Die Lieblings-Bars und Clubs öffnen die Tore, Zusammenkünfte können wieder ohne Berücksichtigung der Anzahl der Haushalte stattfinden. Die Sonne lacht, der Sommer kommt. Das Leben fühlt sich irgendwie leichter und bunter an.

Wären da nicht – mal wieder und dieses mal so nah vor unseren Augen – Menschen, die fliehen. Menschen, die ihre Frauen und Kinder vor ihren eigenen Nachbarn in fremden Ländern in Sicherheit bringen, während wild entschlossene Männer – und Frauen – getrieben von der Hoffnung und dem Wunsch auf Gerechtigkeit und Erwachen des Angreifers bis zum Tod für ihr Land und die Demokratie kämpfen. Bomben schlagen ein, schuldige und unschuldige Menschen sterben. Der Hang zur Selbstzerstörung der Menschheit treibt einmal mehr unzählige Seelen fort von ihrem Zuhause und bis in den Tod.

Ein Lichtblick: Europa beweist Zusammenhalt. Geflüchteten wird so unbürokratisch wie möglich ein Dach über dem Kopf, die notwendige Versorgung und eine erste Sicherheit geboten, Waffen werden geliefert, an ein Land, das sich verteidigen muss. Unzählige Organisationen sammeln Spenden jeglicher Art, Bürger öffnen ihre Türen und Herzen, um traumatisierten Menschen ein Gefühl von Geborgenheit zu geben. Dankbarkeit und ein Gefühl großer Verbundenheit ist das Honorar für diese große Hilfsbereitschaft. Doch die Wunden, die das vor den eigenen Augen zerbombte Haus, die zurückgebliebenen Liebsten oder einfach das Bewusstsein über die Zerbrechlichkeit des eigenen Daseins hinterlassen, sind irreversibel. Und so groß der Zusammenhalt in so einer Zeit wird, schürt diese Situation immer auch den Hass derer Menschen, die stets ein Ventil für das „Anti-Anders-sein“ suchen und ihre eigene Sicherheit bedroht sehen.

Und zwischen der Freude über die neu gewonnene Freiheit nach schier endlosen Zeiten der strengen Corona-Maßnahmen, der Lust eben diese Freiheit, die Liebe, das Zusammenkommen von Menschen und dem wachsenden Zusammenhalt mit Freunden und einem kühlen Getränk in der Hand zu feiern und den Bomben, dem Hass, den sterbenden und vor Todesangst fliehenden Menschen, und dem Gefühl, dass immer noch Menschen auf dieser Welt nicht das Leben sondern nur sich selbst schätzen, wünschte ich mir, ich wäre ein Regenwurm.

Ich müsste mich nicht zwischen meinen Wünschen und meinem Gewissen entscheiden. Meiner Traumvorstellung nacheifern, aber durch die harte Realität auf den Boden zurück geholt werden. Ich wäre einfach ein Regenwurm unter der Erde, weit weg von all diesen Gedanken.

Und das Schönste: Ich wäre ein Regenwurm, unter unzähligen Regenwürmern, die aus den Erdlöchern der ganzen Welt kommen und keiner würde jemals über Herkunft, Religion, Geschlecht oder Sexualität eines anderen urteilen und anhand dessen den Wert des Lebens beurteilen und versuchen blinden Hass mit einer bodenlosen Argumentation zu legalisieren.

Dream it possible… 🕊️